Sektionstagung 2019 - Sektion Allgemeine Erziehungswissenschaft

Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Universität Köln
18. - 20. März 2019

Dass die Wissenschaft sich ‚entscheidungsreif‘ geforscht hat, ist eine Aussage, die auf die Vervielfältigung von Forschungsansätzen und wissenschaftlichen Wissensformen ebenso rekurriert wie darauf, dass sich der Erkenntnisstand von Wissenschaftsdisziplinen kaum mehr überblicken lässt. Die schon in den modernisierungstheoretischen Beiträgen der 1990er Jahre verhandelte Einsicht (Giddens, Beck) besteht darin, dass die Zunahme von Wissen eher zu einer weitergehenden Verunsicherung von Handlungs- und Entscheidungsprozessen geführt hat, anstatt sie auszuräumen. Diese Einsicht nun bedingt eine weitere Dimension der Verunsicherung: inwiefern Wissenschaft ihren Anspruch auf ein überlegenes Wissen für die Gestaltung von Praxis überhaupt aufrechtzuerhalten vermag.

Der Vertrauensverlust gegenüber einer wissenschaftlich ausgerichteten Lebensform ist sicherlich schon Ende des 19. Jahrhunderts in Wissenschaft und Kultur präsent – man denke an Nietzsches Wissenschafts- und Humanismuskritik. Die Einsicht in die Komplexität und Dynamik gesellschaftlicher Prozesse ist begleitet von dem Bewusstsein, dass ihnen kein Erkenntnisprogramm mehr gewachsen ist, dass vielmehr die Begrenztheit und Täuschungsanfälligkeit menschlichen Erkennens als sehr grundsätzlich verstanden werden müssen. Und dennoch lässt sich behaupten, dass die Verunsicherung und der Verlust von Vertrauen in die Wissenschaft gegenwärtig eine neue Qualität gewonnen hat.

Das zeigt sich – ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – an der Behauptung alternativer Fakten, an der Indienstnahme oder Durchdringung von Wissenschaft durch eine globalisierte Ökonomie, an einer Kritik an die Adresse der wissenschaftlichen und politischen Eliten wie nicht zuletzt an den persönlichen Angriffen auf Wissenschaftler_innen (z.B. aus der Geschlechterforschung). Diese Phänomene können als Krise der bürgerlichen Gesellschaft gelesen werden, als Erosion der Idee eines Zusammenlebens freier und gleicher Bürger_innen. Damit aber ist wenig darüber gesagt, wie die gegenwärtige Lage angemessen verstanden werden kann. Aus der Perspektive der Geistes- und Sozialwissenschaften wird man sich nicht damit begnügen können zu behaupten, dass es ‚Politiker ohne Sinn und Verstand‘ oder ‚gefühlte Wirklichkeiten‘ gibt.

Demgegenüber scheint geboten, sich den Verschiebungen bzw. Verflüssigungen – um mit Zygmunt Bauman zu sprechen – von Wissen und Wirklichkeit zuzuwenden, um daraufhin die Sphären der Verunsicherung und Angst besser verstehen zu können. Dies schließt eine Analyse des Bildungs- und Erziehungssystems im Hinblick auf seine Legitimations- und Vertrauenskrisen ein. Mit ihrer Tagung 2019 strebt die Sektion „Allgemeine Erziehungswissenschaft“ eine Analyse gesellschaftlicher Wirklichkeit und insbesondere von Erziehungswirklichkeit an, welche die Verquickung zu Verunsicherung und Angst fokussiert. Mit dem Tagungsthema fragt die Sektion auch danach, wie das erziehungswissenschaftlich vernachlässigte Thema der „Angst“ stärker in den Fokus der Disziplin gerückt werden kann.

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